Wie wir auf Reisen das finden, was wir suchen - über Erwartungen, Enttäuschungen und Erkenntnisse

Können wir unvoreingenommen reisen? Sollten wir überhaupt unvoreingenommen reisen? Können wir ein Land vorurteilsfrei entdecken? Können wir die Menschen wahrnehmen, wie sie wirklich sind? Sind wir bereit, die Realität zu entdecken oder suchen wir nach Bestätigung unserer vorgefertigten Bilder? Was lehrt uns Enttäuschung und warum ist Reisen nicht nur ein „Urlaub“, sondern die Chance auf individuelle und persönliche Weiterentwicklung? Ein Versuch, das abstrakte Thema Erwartungen zu erfassen und vielleicht Enttäuschungen zu verhindern… 

 

Ist der Koffer schon zu voll?

Reisen wir nach Kuba, erscheinen in uns innere Bilder wie „bunte Oldtimer“, „in den Straßen Salsa-tanzende, lebensfrohe Kubaner“, „Zigarren-Plantagen“. Denken wir an Bhutan, glauben wir nur glücklichen Menschen über den Weg zu laufen. In Argentinien sitzt jeder Mann auf einem Pferd und repräsentiert den Gaucho-Lebenstil in der Weite der Pampas. In den Favelas Rios wird man unmittelbar erschossen. Und alle Kinder in Afrika leiden an Mangelernährung und Armut. Manchmal sind das nur vage Vermutungen, Bilder, die wir im Internet oder Fernsehen gesehen haben, Zeitungsartikel oder Bücher, die wir gelesen haben, Dinge, die wir von anderen Reisenden - manchmal aus dem Zusammenhang gerissen und mit ihrer eigenen Wahrnehmung gefärbt - aufgeschnappt haben. Wir packen all das in unseren Koffer und nehmen es mit auf unsere Reisen. Manchmal ist dadurch der Koffer aber schon so prall gefüllt, dass es schwer wird, das hineinzupacken, was uns tatsächlich vor Ort erwartet. 

 

Die süße Seite der Erwartung. 

Jedoch erfüllen Erwartungen auch eine immens wichtige Rolle in unserem Leben sowie demnach auch auf unseren Reisen: sie schaffen Vorfreude und überbrücken ab dem Zeitpunkt des inneren Entschlusses zu einer Reise die teilweise lange Wartezeit bis es tatsächlich soweit ist. Erwartungen erzeugen innere Bilder, Emotionen bis hin zu antizipierten Sinneseindrücken, die wir manchmal sogar hautnah vorwegnehmen - die Gerüche, die wir beim Schlendern durch einen marokkanischen Souk vermuten, das monumentale Gefühl, das sich breit macht, wenn wir uns am Circular Quay befinden und die Wahrzeichen Sydney Opera und Harbour Bridge vor uns sehen, die bunten Fische, die wir beim Schnorcheln in der Südsee zum Greifen nah vor uns sehen oder das Gefühl von Lebendigkeit, freudiger Erregung und Überwältigung, wenn wir uns zum ersten Mal im Getümmel des Times Squares in New York befinden. Die Vergegenwärtigung dieser Erwartungen versüßen uns meist eine weitaus längere Zeitspanne vor einer Reise, wobei uns das Erleben vor Ort - je nach Charakter und Wahrnehmungsvermögen - sicherlich zwar quantitativ kürzer, aber qualitativ umso tiefer bewegt. 

 

Erwartungen als Absicherung.

Durch Erwartungen, demnach die „Vorwegnahme“, die „Vorahnung“, die „Hoffnung“ oder „Hypothese“, was uns auf Reisen erwartet, erschaffen wir uns meist auch ein angenehmes Auffangnetz, das uns die Diskrepanz der Fremdheit vorab dezimiert - wir reduzieren den Faktor der Ungewissheit, der Überraschung und Unsicherheit. Die Bilder der Erwartungen schaffen bereits im Vorfeld Vertrautheit und Sicherheit. Der Mensch ist eben in vielerlei Hinsicht doch ein Gewohnheitstier und für wenige Menschen bedeutet Neues, Fremdes und Ungewöhnliches ausnahmslos etwas Positives. Eben darum ist die Folgerung sicherlich unausweichlich, dass unser Charakter, unsere Verhaltensweisen, Wünsche und Ängste, die wir im Leben allgemein verkörpern, sich stets auch in unserer Art des Reisens widerspiegeln. 

 

Verzerrung der Erwartungen in die eine Richtung…

Sind wir dann einmal vor Ort, beeinflussen unglaublich viele weitere Faktoren unsere Wahrnehmung sowie den Abgleich zwischen Erwartungen und Realität. Eine Wahrnehmungsverzerrung scheint unausweichlich. 

Unsere Emotionen können sich vielversprechend verstärken. Dann fällt der Abgleich zwischen Erwartung und Realität sicher sehr positiv aus. Wir schauen uns den Sonnenuntergang mit unserem geliebten Partner in völliger Harmonie und Losgelöstheit vom Alltag an und denken einfach nur: perfekt! Sicherlich werden wir im Anschluss an ein solch individuell erlebtes Ereignis dann auch den Ort und das Setting als perfekt erachten. Schließlich war das Gesamtpaket es ja auch. Aber es gehörte eben ein großes Konstrukt an individuellen Gefühlen und Emotionen dazu. Etwas, das vielleicht ein anderer unter anderen Voraussetzungen absolut nicht so erlebt hätte. Vielleicht ist es auch deshalb schwierig, Empfehlungen und Geheimtipps von diversen Menschen aus unserem Umfeld zu folgen, da die meisten Menschen beim Reisen nie objektiv und sehr selten so emphatisch veranlagt sind, um diese Komponenten voneinander unterscheiden zu können und on top die möglicherweise andere Lebens- und Charaktersituation zu berücksichtigen. In Kürze: Tipps von anderen sind immer deren ganz eigenes, subjektives Erleben und mit größter Vorsicht zu behandeln. Darauf sollte man nie eigene Erwartungen aufbauen. 

 

…und in die andere. 

Aber natürlich geht es auch anders. Ist es wirklich der Ort, das Land, die Menschen, die nicht dem entsprechen, oder sind es vielleicht wir selbst, der wir zu diesem Zeitpunkt gerade einfach nicht an diesen Ort passen. Vielleicht konfrontiert uns unsere Umgebung mit etwas in uns selbst, das wir eigentlich gehofft hatten zu Hause zu lassen? 

Was passiert, wenn wir müde sind, wenn wir ein unangenehmes Thema haben, das uns aus der Heimat heimsucht, wenn wir Streit mit unserem Partner haben, wenn wir krank sind, wenn wir vielleicht einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden sind, wenn wir Heimweh haben - dann sind wir ganz sicher nicht mehr vorurteilsfrei. Es ist eine große Kunst, seine eigenen Gefühle und Emotionen „wegzustecken“ und frohen Mutes die Entdeckung einer Kultur in Angriff zu nehmen. Sicher kann der Ort, das Land und die Menschen in so einer befangenen Situation nur „verlieren“. Man findet sprichwörtlich nur das Haar in der Suppe. Ist deshalb aber Kuba, Peru oder die Mongolei ein schlechtes Land? Sind die Menschen negativ oder durchweg unsympathisch? Sicherlich nicht. Nur wir sind in solchen Situation sicherlich und verständlicher Weise nicht in der Lage, das objektiv oder subjektiv wohlwollend zu beurteilen und fühlen doch eigentlich nur uns selbst.

Also: „Man nimmt sich auf Reisen immer selbst mit.“ Oder „Man kann auf einer Insel nichts finden, was man nicht schon mitgebracht hat“.

 

Losgelöst von Erwartungen. 

Manchmal reisen wir aber auch in ein Land und haben keine genauen Vorstellungen, wir haben uns kein starres Bild gemacht und nicht all zu viele Hoffnungen und Wünsche in das gelegt, was wir vor haben, dort zu finden. In der Regel passiert genau dann immer eines: wir werden überrascht. 

Natürlich kann die Überraschung von uns sowohl positiv wie auch negativ bewertet werden, aber allein die Tatsache, dass wir nicht „enttäuscht“ werden, macht die reale Wahrheit sehr viel einfacher erträglich und manchmal um so bereichernder. Und ganz oft fallen uns dann auch Facetten auf, die uns mit einer vordefinierten Erwartungshaltung und somit Voreingenommenheit gar nicht aufgefallen wären. Vielleicht nehmen wir dadurch auch Dinge wahr, die es sonst gar nicht in unserer Wahrnehmungsfeld geschafft hätten. 

Sich überraschen zu lassen, ist dabei gar nicht so einfach. Vielleicht ist es sogar eher eine Lebenseinstellung denn eine Reisephilosophie. 

 

Also zurück zur Kernfrage.

Kann man frei von Erwartungen reisen? Sicherlich nicht. Von gewissen Vorstellungen und Bilder können wir uns, auch wenn wir es noch so sehr versuchen, nicht befreien und sollten es im Hinblick auf die wertvolle Vorfreude auch gar nicht tun. Aber wir sollten uns der Gefahren unserer Erwartungen bewusst sein. Bewusstsein und Wahrnehmung können uns sicher einen großen Schritt voranbringen. Wir können uns bewusst machen, dass wir mit Erwartungen gekommen sind. Wir können uns selbst hinterfragen, wenn wir enttäuscht sind und uns vor allem fragen, woher diese Enttäuschung rührt. Kommt unsere Enttäuschung wirklich von der äußeren Realität oder kommt sie nicht aus der Tiefe unseres eigenen Denkens? Wenn wir diese Frage für uns beantworten können, dann haben wir die Möglichkeit, uns vielleicht dem zuzuwenden, das wir nicht erwartet haben. Vielleicht lässt uns das zwar nicht an jedem Ort Wohlbefinden empfinden, aber zumindest Reisen als Experiment zu begreifen. Als großes Selbst-Experiment. 

 

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August 12, 2015

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