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  • AutorenbildEllen Kuhn und J. Materna

Trinkgeld weltweit. Gedanken und Orientierungshilfen für eine Weltreise.


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Die folgende Frage wird uns häufig von Reisenden gestellt, die sich darüber im Klaren sind, dass Bewohner diversester Kulturen unterschiedlich geprägt sind. Diese Reisenden haben das Bestreben, diese Unterschiede bereits vor einer Weltreise zu würdigen, kennenzulernen und sich mit ihnen vertraut zu machen, um vor Ort entsprechend der lokalen Gepflogenheiten zu agieren und nicht „anzuecken“ oder gar zu „beleidigen“. Alleine die Tatsache, diese Frage überhaupt zu stellen, ist ein Zeichen dafür, dass die jeweiligen Reisenden mit einer respektvollen, neugierigen und verantwortungsvollen Weitsicht in eine Weltreise starten.

Die Frage ist auf den ersten Blick ganz simpel und pragmatisch, und doch – wenn man sie näher betrachtet – sehr diffizil und knifflig. Es ist die Frage nach dem „Wie viel Trinkgeld gebe ich in den unterschiedlichen Ländern während einer Weltreise?“

 

Bevor wir konkrete und greifbare Antworten geben, lohnt allerdings ein Blick in die Entstehungsgeschichte und Begründung von Trinkgeldern, beziehungsweise dem Tipping, wie man es im angloamerikanischen Sprachraum nennt.

Der Sozialpsychologe und weltweite „Tipping-Experte“ Michael Lynn interessierte sich im Hinblick auf das „Tipping“ in seinen über 80 Studien für die Schnittstelle zwischen Psychologie und Ökonomie, denn für ihn schien es eigenartig, dass Menschen mehr für etwas zahlen als sie müssen. Genau das ist es aber, was Menschen tun, wenn sie Trinkgeld geben. Die frühesten Aufzeichnungen über Trinkgelder finden sich bereits im 16. Jahrhundert. Die US-Gründerväter George Washington und Thomas Jefferson sollen ihren Sklavinnen und Sklaven gelegentlich Trinkgeld gegeben haben. Eine demnach jahrhundertelange Gepflogenheit, die sich aber in diversen Kulturen unterschiedlich entwickelt hat. 

Lynns Erkenntnisse legen nahe, dass wir zum einen Trinkgelder geben, weil wir uns um andere sorgen und ihnen helfen wollen. Aber sie sind auch eine altruistische Geste und entspringen dem Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Es ist eine Anerkennung für das „Bedientwerden“, das wir in dem Sinne für nicht selbstverständlich erachten. Das Trinkgeld ist demnach ein Tauschhandel, aber auch ein Zeichen für unmittelbare Zufriedenheit. Allerdings gibt es auch weniger aufopferungsvolle Begründungen dafür, Trinkgeld geben zu wollen. Einige wollen mit einem großzügigen Trinkgeld imponieren oder sogar protzen und wollen, dass die Servicekräfte oder Gäste in Hörweite gut von ihnen denken.

Diesen Aspekt betont auch der Historiker Winfried Speitkamp, denn beim Trinkgeldgeben geht es nicht bloß um den Austausch materieller Werte. Das Ritual berührt „tiefere Fragen von gesellschaftlichem Status, Prestige und Ehre“.

Gleichzeitig hat das Tipping in früheren Zeiten und seit Jahren in bestimmten Ländern eine so abstruse Eigendynamik angenommen, dass es heute eher ein Anrecht als ein Geschenk beschreibt und beispielsweise in den USA sogar zu offenkundigen, anklagenden und bloßstellenden Situationen zwischen einem beleidigten Bediensteten und einem Bedienten kommen kann, wenn weniger als die üblichen 15 bis fast 30 Prozent auf den Rechnungspreis entgegengebracht werden.

 

Lynns Studien bieten aber auch wertvolle Erkenntnisse über die Relation bestimmter Charakteristika von Ländern im Verhältnis zu ihren Trinkgeldgepflogenheiten. In Kulturen, in denen die Bevölkerung besonders extrovertiert und kontaktfreudig ist, geben Menschen häufiger und mehr Trinkgeld. In Ländern, in denen eher neurotische und ängstliche Menschen leben, gibt man zwar seltener Trinkgeld, aber wenn man eines gibt, dann nicht unbedingt weniger. Und je „brutaler“ beziehungsweise gewaltorientierter eine Gesellschaft ist, desto weniger und seltener wird Trinkgeld gegeben. Was Lynn zudem herausgefunden hat, ist, dass Trinkgelder vor allem in Ländern mit großen Machtgefällen an der Tagesordnung sind. In egalitären Gesellschaften, wie beispielsweise in Skandinavien, sind Trinkgelder weniger verbreitet.

 

Auch der Kulturhistoriker Geert Hofstede formuliert wichtige gesellschaftliche Meta-Kriterien für Trinkgelder. In sogenannten „femininen“ Gesellschaften, also Gesellschaften, die hohen Wert auf Kooperation, Bescheidenheit und soziale Gleichbehandlung legen, sind Trinkgelder weitgehend unüblich. Für diese Gesellschaften bedarf Fürsorge keiner finanziellen Gegenleistung. Es wird vorausgesetzt, dass diese bereits immanent wechselseitig gewährt wird. Auch hier sind vor allem die skandinavischen Länder anzuführen.

Interessant sind zudem die Beweggründe für Trinkgelder in individualistisch und andererseits kollektivistisch geprägten Gesellschaften. In individualistischen Gesellschaften wird die erbrachte Dienstleistung leistungsbezogen honoriert. Die durch den Service entstandene Schuld wird durch das Trinkgeld getilgt und somit die individuelle Unabhängigkeit zurückgewonnen.

In kollektivistisch geprägten Kulturen zählen Fürsorge, Loyalität und Vernetzung zu den dominierenden Werten. Daraus leitet sich eine soziale Verpflichtung zum Trinkgeld ab, die dem niedriger gestellten Dienstleistenden durch die hierarchisch Höhergestellten zuteil wird. Dies gilt beispielsweise in Ländern wie Brasilien, Griechenland und Pakistan.

Einen spannenden Spezialfall stellt Japan dar. Die Begründung dafür, dass Trinkgelder dort als Beleidigung gelten, sehen einige Wissenschaftler darin begründet, dass die japanische Kultur einen großen Fokus auf das Vergelten von Gefälligkeiten und das Begleichen von Schulden legt. Demnach will ein Japaner es möglichst vermeiden, sich in Gefälligkeits- oder Verpflichtungsverhältnisse mit Fremden zu verstricken.

 

Eine problematische Seite von Trinkgeldern lässt sich aus den Gedanken des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus der Dialektik von Herr und Knecht ableiten. Demnach stellt das Verhältnis zwischen Bedienenden und Bedienten per se ein Machtgefälle dar und bringt Bedienende in eine unterwürfige, devote Position. Es herrschte dadurch eine Abhängigkeit von der Großzügigkeit des Bedienten, und dieser hat die Macht inne, ob oder wie viel die bedienende Person „wert“ ist.

In einigen Entwicklungsländern wie Indonesien, Thailand und Vietnam kann man beobachten, wie von sozial aufgestiegenen Einheimischen in gewissen Kreisen diese Macht auch demonstrativ und mit einer gewissen Genugtuung ausgeübt wird. Europäer würden mit dem einheimischen Servicepersonal nie so „demütigend“ umgehen wie Menschen derselben Kultur. Für sie ist es ein Zeichen eben dieser errungenen Macht. Wegen dieser immanenten Schieflage zwischen Bedienenden und Bedienten gab es im 19. Jahrhundert bereits immer einmal wieder Bestrebungen – beispielsweise die Anti-Trinkgeld-Liga in Hamburg –, Trinkgelder abzuschaffen.

 

Diesem kritischen Aspekt kann man noch einen weiteren hinzufügen. In einer Kultur wie den USA sind Servicekräfte auf das Trinkgeld existenziell angewiesen. Da die Servicekräfte weit unter dem Mindestlohn verdienen, steigt die Abhängigkeit von der Großzügigkeit der Bedienten. Statt eines tragfähigen, gerechten und angebrachten Vergütungssystems der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wird die Verantwortung auf das Individuum, auf den Konsumenten oder den Gast, verlagert. Eine kritisch zu sehende Problematik, aus welcher es aufgrund etablierter Tipping-Systeme in diesen Ländern leider kaum einen Ausweg gibt. Lediglich Gewerkschaften oder Regierungen könnten hier regulierend eingreifen.

Andererseits zeigen interessanterweise einige Studien, dass Servicekräfte in den USA über das Tipping im Mittel 15 bis 20 Prozent des Rechnungsbetrages mit nach Hause nehmen, wogegen die Profitmarge des Restaurantbetreibenden nur 8 bis 10 Prozent beträgt. Für Reisende aus anderen Ländern bedeutet das aber, dass zu den im Verhältnis zum Herkunftsland gerade in den USA horrenden Grundpreisen von Mahlzeiten, Touren und Taxifahrten noch weitere, oft fast zwanghaft eingeforderte 15 bis 20, manchmal sogar 30 Prozent Trinkgeld on top kommen. Da liegt nach einem Zweigänge-Menü zu zweit nun schon eine Rechnung über 200 Dollar vor einem und nun wird zusätzlich noch erwartet, weitere 40 bis 60 Dollar dazuzulegen. Da muss unsereins schon schlucken. 

 

Allerdings gilt es auch zu beachten, dass nicht nur wir als Reisende auf Gepflogenheiten vor Ort treffen und uns mit diesen auseinandersetzen müssen, sondern dass viele von uns auch die Riten vor Ort beeinflussen. War das Trinkgeldprinzip in manchen Regionen noch völlig unbekannt, wissen nun auch Dienstleister in touristischen Hochburgen dieser Erde das Zusatzgeld zu schätzen. Selbst im klassischen Fall Japan, in welchem Trinkgeld landläufig als Beleidigung galt und gilt, ist es in touristischen Ballungszentren nicht mehr verpönt, Trinkgeld zu geben und zu nehmen. 


Die Orientierung in diesem sich dynamisch entwickelnden Trinkgeld-Dschungel ist deshalb nicht ganz einfach. Die eigene Unsicherheit diesbezüglich ist immer und überall ein guter Anlass, diese Thematik am jeweiligen Ort freundlich und respektvoll mit einer Tourguidin oder einem Tourguide zu besprechen. Dieser interkulturelle Austausch kann nicht nur Orientierung bieten, sondern auch einen fruchtbaren, lehrreichen Dialog über die vor Ort geltenden Gepflogenheiten mit sich bringen. Darüberhinaus kann es eine spannende Aufgabe sein, die Einheimischen bei ihren eigenen Gepflogenheiten zum Beispiel in Restaurants genau zu beobachten und es ihnen gleich zu tun. Oder am Nachbartisch höflich nachzufragen, was wiederum der Beginn einer kulturellen Erfahrung sein kann.

 

Also was denn nun? Woran können wir uns denn ganz konkret orientieren? Ein paar unverbindliche Beispiele aus eigener Erfahrung und vielfältigsten Recherchen. 

 

USA UND KANADA

Nachdem die Bedienung in Restaurants wie bereits erwähnt oft ausschließlich vom Trinkgeld lebt und nur selten einen Grundlohn bekommt, sollte die finanzielle Anerkennung auch großzügig ausfallen: Mindestens 15–20 Prozent oder sogar bis zu 30 Prozent gelten als Richtwert. Im Hotel kriegt der Page pro Gepäckstück einen Dollar, ebenso wie die Zimmermädchen: Ein bis zwei Dollar pro Nacht sind hier angemessen. Das Trinkgeld sollte gut sichtbar aufs Kopfkissen gelegt werden.

 

NORDAFRIKA

In Marokko, Tunesien und Ägypten sind etwa 10–15 Prozent Trinkgeld üblich. Das gilt vorrangig für Restaurants. Aber auch viele andere Dienstleister freuen sich über etwas „Bakschisch“.

 

VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE

In Dubai wird zu etwa 10 Prozent Trinkgeld geraten – sofern das Bedienungsgeld auf die Rechnung nicht schon aufgeschlagen wurde. Allerdings sollte man hier zwischen manchmal sehr stolzen Arabern unterscheiden und dem oft ausländischen Servicepersonal, das auf Trinkgelder angewiesen ist.

 

ASIEN

Viele Asiaten betrachten einen guten Service als Selbstverständlichkeit und fühlen sich durch ein Trinkgeld deshalb herabgesetzt. Besonders in Japan gilt das „Tipping“ in Restaurants als Beleidigung. Ausnahmen sind japanische Touristenzentren, die die westlichen Standards übernommen haben, sowie Thailand, wo sich ein Trinkgeld von rund 10 Prozent inzwischen eingebürgert hat.

 

ZENTRAL- UND MITTELAMERIKA

Viele Hotels und Restaurants schlagen eine Servicegebühr auf die Rechnung. Ein Trend, der sich in vielen Ländern immer mehr durchsetzt. Es lohnt deshalb vor allem in Restaurants eine genaue Analyse der Rechnung, bevor zu einem Trinkgeld gegriffen wird. Ein zusätzliches Trinkgeld ist in diesen Teilen der Erde somit nicht notwendig. Wenn nicht, gelten 10 Prozent als allgemeine Regel für den Restaurantservice und ein Dollar pro Gepäckstück wird geschätzt. Feste Regelungen oder Gepflogenheiten gibt es hier aber nicht.


SÜDSEE

Generell werden Trinkgelder in der Südsee nicht erwartet. Achtung: Auf manchen Inseln ist die Trinkgeld-Annahme aus traditionellen Gründen sogar verboten! Bringen Sie also niemanden in Verlegenheit, sondern fragen Sie lieber vor Ort nach. Ausnahme ist Französisch Polynesien, wo das Trinkgeld wie in Frankreich gehandhabt wird.

 

AUSTRALIEN, NEUSEELAND

In Australien ist es nicht allgemein üblich, ein Trinkgeld zu geben, und wird daher auch nicht erwartet. Es kann sogar passieren, dass ein Taxifahrer das Fahrgeld abrundet. Allerdings kann man in besseren Restaurants mit sehr gutem Service auch mal zehn Prozent der Rechnungssumme auf dem Tisch liegen lassen. Herrlich unkompliziert ist die neuseeländische Einstellung zum Trinkgeld: Es wird nämlich keines erwartet, aber man darf sich für guten Service natürlich trotzdem erkenntlich zeigen. Neuseelands Taxifahrer haben sich allerdings schon an das Aufrunden des Preises gewöhnt. 

 

Und nun wird es noch konkreter und greifbarer.

Die folgende Tabelle entstammt der Website https://worldtravelers.org/travel-tips-tipping-guide.asp. Bei den aufgeführten Werten handelt es sich wiederum nur um Richtwerte.

Trinkgeld sollte trotz all der obigen, einleitenden Ausführungen eine freiwillige Geste und eine Belohnung für guten Service bleiben, und am Ende liegt die Entscheidung bei Ihnen. Ebenso kann diese Liste nur eine Momentaufnahme (Mai 2024) sein. Denn die Trinkgeldpraxis ist fast überall einer kontinuierlichen Evolution unterworfen.

Wir sind als Reisende nicht allwissend und müssen es auch gar nicht sein. Selbst wenn wir einmal „anecken“, ist dies immer eine Chance, zu lernen. Allerdings lässt sich zum Schluss auch ganz ketzerisch eine weitere philosophische Frage eröffnen: Inwieweit müssen wir uns an eine fremde Kultur, in der wir zu Gast sind, bis ins letzte Detail anpassen und inwiefern dürfen wir auch unserer eigenen Einstellung und Haltung in gewissen Aspekten oder Nuancen treu bleiben, vor allem wenn wir es doch immer und in erster Linie gut meinen. Diese Frage ist eine sehr fragile. Sie ist weniger provokant gemeint, als sie auf den ersten Blick anmutet. Sie hat auch damit zu tun, Spannungen auszuhalten. Und auch damit, zu sich und seiner Haltung zu stehen, ohne den anderen komplett aus den Augen zu verlieren und ihm dennoch den gebührenden Respekt zu zollen. Vielleicht als Einstieg in einen gegenseitigen und konstruktiven Kulturaustausch. Aber diese Frage eröffnet vielleicht eine weitere Perspektive auf das Thema Trinkgeld.


Hilfreicher weiterführender Link: 


Quellen: 



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